Werte erschaffen, Werte erhalten, Mieter verdunkeln…Christ(o)mann verhüllt die Winsstrasse 59

Nach der spektakulären Verpackung des Reichstages 1995 hat Berlin erneut ein Verhüllungsprojekt im öffentlichen Raum, wenngleich auch bescheideneren Ausmaßes. Christ(o)mann, bürgerlich als Wulf Christmann bisher als renditeorientierter Immobilieninvestor  nur einem eingeweihten Personenkreis bekannt, tritt nun auch künstlerisch in das Licht der Öffentlichkeit. In nur wenigen Wochen wurde von ihm ein noch bewohntes Gründerzeitgebäude im Prenzlauer Berg eingerüstet und mit einer reinweißen Kunststofffolie umhüllt. Wenngleich Anleihen bei bekannteren Aktionen wie der Verhüllung des Pont Neuf oder des Reichstages unübersehbar und sicher auch gewollt sind, gelingt es Christmann doch eine eigne Formensprache zu entwickeln. In pointiertem Schwarz-Weiß-Kontrast schafft eine großflächige schwarze Folie die ursprüngliche Gebäudesymmetrie aufnehmend eine formale Referenz zum sozialen Kontrast des nun in den Wohnungen herrschenden Dunkels und ihrer Bewohner zum gepriesenen sonnigen Leben im Prenzlauer Berg, wie es in einer kühnen Graphiksimulation schon lange auf der Webseite des Künstlers skizziert ist. Doch der Künstler bleibt nicht nur dem Lokalen verhaftet. Mit den in großen Lettern geworfenen „Werte schaffen / Werte erhalten“ setzt er einen gelungenen und gänzlich unironischen Kommentar zur globalen Finanz- und Wertekrise.

Wenn auch bei der Planung des laut Schreiben an die Bewohner auf 60 Tage angekündigten Projektes sicher nicht in gleichem Maße Widerstände zu überwinden waren wie bei der Reichstagverhüllung – hier intervenierte zunächst der damalige Bundeskanzler Kohl –, so darf doch auch die technische Umsetzung des gelernten Ingenieurs Christmann bewundert werden. Ursprünglich als Staubschutzmaßnahme für eine Fassadensanierung angekündigt, wurde in den ersten 30 Tagen und wird auch aktuell großzügiger Weise auf derartig störende Bautätigkeit verzichtet. Dafür laden zahlreiche Leitern des gegen Zugang nicht gesicherten Gerüstes den Besucher ein, auch einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Und mit etwas Glück kann der Besucher dann vielleicht sogar hautnahe ungeschminkte Impressionen vom Leben in den – jetzt allerdings abgedunkelten – Wohnungen gewinnen. Wann immer möglich werden die Bewohner bemüht sein, dies durch künstliche Beleuchtung auszugleichen. Feste Tagesabläufe und Zeiten können aber leider nicht garantiert werden. Bei Gruppen von mehr als 10 Personen wird um Voranmeldung gebeten.

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